Berlinale in Aspik

Aktualisiert: 27. März 2019

Ein Protokoll

ein bunter Strauss an Referenzen und Projekten

Im eigentlich kältesten Monat des Jahres trägt Berlin die BERLINALE wie ein künstlich aufgespritztes, wuchtiges Dekolleté vor sich her und tut mit hoch gepeppeltem Selbstwertgefühl so, als würde sie wirklich etwas hermachen. Wie Carmen Geiss scheint sie hysterisch zu rufen: HIERHEEEER, Juliette Binoche, HIERHEEER, Christian Bale! Wir haben doch HEIZPILZE und FOOODTRUCKS!!


Auch ich werde in diesen Tagen dem tanzenden Kongress beiwohnen, natürlich mit GEMISCHTEN Gefühlen, wie sich das für die Berufsgruppe der Schauspieler-Innen gehört. Klar, es ist ein Filmfestival, aber anstatt sich internationale Filme anzusehen, steht die eigentlich quälende Frage, ob man auf die Filmfestpartys auch OHNE Bändchen reinkommt, wer denn überhaupt alles DA sein wird und ob es grundsätzlich eine gute Idee ist VISITENKARTEN mitzunehmen (und wenn ja, WO verstaut man sie? ), ehrlicherweise im Vordergrund.


"Wir freuen uns auf einen unvergesslichen Abend mit Ihnen als Gast", steht in der Einladung einer dieser Filmfestparties und so beginnt mein Abend durch die #fancypeople der Saison mit einem Chardonnay in der einen und einem pinken Cremetörtchen in der anderen Hand.

Ganz nett, denke ich und werde auch sogleich in ein Gespräch mit einer Drehbuchautorin verwickelt. Natürlich ist sie AUCH an NETFLIX dran, wie sie gleich nach Vorstellung ihres Berufes leicht angespannt betont. Sie engagiere sich ja zunehmend auch für die feministische Sicht der Dinge, beteuert sie mir, weil das ja auch gerade so wichtig…und sie als Frau, naja, EXTREM wichtig halt. Sie spricht mit bedeutungsschwanger gehobener Augenbraue über die Details ihres geplanten ANTIPATRIARCHALEN Serienkonzeptes und mich beschleicht das leise Gefühl, als wäre für sie schon allein dieses entspannte Aufspringen auf den Zug des Mainstreams ihre gewonnene Greencard für den Erfolg in Lalaland oder wenigstens einfach nur DeutschLÄND. Ich streue einige universaltaugliche „Ja-das-hört-sich-doch-MEEEGA-an“-Phrasen ein, um mich schliesslich als Schauspielerin vorzustellen, woraufhin sie sich entschuldigen lässt, sie müsse nun doch langsam ihren Drink wieder auffüllen. Meine Visitenkarten, die ich nach langem Überlegen in die Schutzhülle meines Handys gestopft habe und die wiederum mein Handy etwas unförmig erscheinen lassen, werde ich hier - nach aktuellem Stand- wohl nicht los.

Wenig später komme ich mit einem Fotografen ins Gespräch, er liebe RETUSCHE ist gleich sein zweiter Satz. Auch er breitet vor mir einen bunten Strauss an Referenzen und Projekten inklusive Werdegang aus. Bald werde er einen jungen Mann fotografieren, der sei eigentlich nicht wirklich hübsch oder hat gar Ausstrahlung, aber die KLEINE Partie um die Augen, also wenn man die gut ausleuchtet, wird das toll! Das ist ja wie bei GNTM, denke ich mir und erinnere mich an ein Fotoshooting, in dem das seit Wochen von Heidi getrietzte Model sich schlussendlich mit den Händen das gesamte Gesicht verdeckt und darauf der Fotograf: SUUPEEER, das nehmen wir so! schreit.

Zu uns gesellt sich F., 29, ein Jungproduzent. Er sieht aus wie der kleine Bruder des österreichischen Kanzler Kurz und macht nebenbei Aktfotos auf Instagram.

Hashtag BLACKANDWHITE natürlich. Klassisch also. Er schwärmt von den „alten Hasen“ im „BUSINESS“, Wahnsinn, wen die alles kennen, so beeindruckend. Morgen dann ein Kaffee mit einem von denen im RITZ. Hätte er sich ja nicht träumen lassen, aber ja, so schnell geht das jetzt. Er ist gut gekleidet und referiert, während ich mich um meinen zweiten Chardonnay kümmere, noch eine Weile über die Strukturen der Filmindustrie und seine unglaublich Uberfahrt (weil wahnsinnig GÜNSTIG!). Nein, LEIDER konnte er sich noch keinen Film hier angucken, so schade, aber ja, KEINE Zeit...Hach.

Inzwischen werden vegane Hotdogs gereicht. Obwohl ich ziemlichen Hunger habe, werde ich sie nicht essen. Der Gedanke, meine nächsten Gesprächspartner mit einer Prise veganem Wurstwasseratem zu begrüßen, hält mich dann doch zurück. Ich greife zu meinem Chardonnay und lasse mir mein Glas nochmal auffüllen. Dazu drei Würfel Eis. Hinter mir schweben zwei GNTM-Gewinnerinnen an mir vorbei, die jeweils ihre gesamte Familie eingeschleust haben und nun recht orientierungslos von Raum zu Raum irren. Später in der Lounge erkenne ich einen Kollegen, den ich nur aus der digitalen Welt kenne. Wir folgen uns beide auf INSTAGRAM und er flutet regelmäßig meine Timeline mit Portaits, abfotografierten Zeitungsartikeln und den allseits beliebten nachdenklichen Sprüchen mit Bildern. HALLO, begrüße ich ihn, hey, wir sind uns noch nie begegnet, aber eine Freundin arbeitet gerade mit dir und wir folgen uns doch bei Instagram! Er sieht mich freundlich an, um sich dann zu entschuldigen: Du sorry, ich hab da so ´nen BOT, der liked alle Fotos automatisch und folgt denen dann..sorry, WER bist du jetzt genau?

Passt schon, beruhige ich ihn und reiche ihm einen veganen Hotdog vom Flying Buffet.

HEEEEEY, ruft mir plötzlich eine braunhaarige Schauspielerin mit rotem Kleid zu und wir begrüßen uns stürmisch - scheinbar kennen wir uns - mit Küsschen auf die Wange und strahlenden Augen. Na, DUUU hier? Jaaa- man, voll schönes Kleid- WOW! -Na SELBER!!!- …UUND hast du ´ne gute Zeit?

Ich habe nicht die GERINGSTE AHNUNG, wer diese Frau ist. Aber sie strahlt mich so wissend an, dass ich sie nun unmöglich fragen kann, wie ihr Name ist, geschweige denn, ob sie eine Visitenkarte hat. Im Gegenteil, ich strahle zurück und wir tauschen uns tatsächlich eine Weile ganz angeregt aus, während ich fieberhaft überlege, woher wir uns kennen. Höchstwarscheinlich haben wir kurz zusammen gedreht, nicht länger als einen Tag. Mensch, ihr Gesicht kommt mir doch auch so bekannt vor! Irgendwann bin ich ziemlich sicher, dass es nur die P. aus München sein kann. Nach diesem netten Gespräch google ich P. und sehe, dass die vermeintliche Bekannte laut Instagram grad irgendwo in Gran Canaria dreht und überhaupt gar nicht hier auf dem Besten der Feste weilt.

Ich stelle mein Glas ab, schaue in all die aufgeregten und nun auch schon leicht angetrunkenen Gesichter, bestelle mir ein Taxi und frage mich, ob das jetzt besonders oberflächlich war, dass sich da zwei fremde Menschen so vertraut unterhalten haben oder ob das was Schönes ist: Denn auf diesem Fest, voller verkrampfter Erwartungen und unberührter Visitenkarten, war das Gespräch mit ihr ein ehrlicher, angenehmer Dialog auf Augenhöhe und tatsächlich mal kein Verkaufsgespräch.


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© 2018 Magdalena Steinlein | Photocredit: Nadja KlierImpressum und Datenschutz |  Newsletter anmelden
 

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