Have a Milchschnitte!

Aktualisiert: 1. Okt 2018

Erkenntnisse im Weltall.

Sexy Fleischtomate à la Tootsie

Ob ich denn Milchschnitte auch so gerne mag, fragt mich die Casterin, ihr Lächeln wirkt aufgesetzt und natürlich auch müde. Es ist 13.45 Uhr und ich hab‘ sie voll in ihrem Mittagstief erwischt. Kann man sich nicht aussuchen, denk‘ ich mir und antworte beherzt:

„Mhh… jaaa, die liiiieb ich! Kann ich nie genug von kriegen.“ Beinahe will ich noch ein „und mit der extra Portion Milch, tue ich sogar noch etwas für meine Gesundheit“ hinterherschleimen.

Ich hasse Milchschnitte.

Als ich klein war und Süßigkeiten bei uns Zuhause dem strengen Embargo unserer Eltern unterlagen, wurde jeder ergatterte MAOAM und jedes Zigarettenkaugummi, die man bei einem in der Regel eher betrüblichem Kindergeburtstag gewonnen hatte, wie der Schatz der Titikaka behandelt. Nur Milchschnitte - die hab‘ ich schon damals gehasst.

Aber was soll ich auch anderes sagen. Schwierig. Natürlich bin ich hier, um Geld zu verdienen, ob ich nun die Milchschnitte bewerbe oder eine sexy Fleischtomate à la „Tootsie“ mime, ist mir herzlich egal - das ist nun mal mein selbstgewählter LIFESTYLE.

Ich grinse debil und zeige ihr anschließend meine Hände in die Kamera. Vorder- und Rückseite. Dann nochmal ins Profil.

Die Casterin ist immer noch erschöpft von ihrem Mittagstief, aber ich denke, die ist ja professionell, die wird das schon abstrahieren. Ihre Müdigkeit und mein grenzenloses und auffallendes Talent, Milchschnitte anzupreisen.

Ein Kind kommt rein. Ein bisschen blass vielleicht, aber innerlich jubel´ ich. Kinder sind ja beim Casting immer eine BEREICHERUNG. Klar, sie können dich verdammt schnell an die Wand spielen und ziehen jeden Fokus ("O Gott, wie süüüüß! ) auf sich, aber sie sind meistens mit so viel natürlicher Fantasie gesegnet, dass man sich geradezu an ihnen entlang hangeln kann und das Spielen fast von alleine geht. Ich freue mich!

Timor heißt das Kind.

Mein Gott, TIMOOOR hat noch nicht verstanden, was für ein großartiger Weg und was für ein noch großartigeres Business sich hier für ihn auftut. Ach, er wird bald verstehen. Das sagt jedenfalls das sanftmütige und stolze Mutteraugenpaar, das ihn begleitet. Ich freue mich tierisch über Timor und begrüße ihn überschwenglich mit einem "Du-hast-mich-gerettet"-HIGHFIVE. Er erwidert mein Highfive nicht, guckt mich nur stumm an und hat diesen leeren, abwesenden Blick. Klare Sache, er liebt es hier. Wie wir alle.

In dem Spot soll später eine Mutter (Natürlich ICH!) ihr Kind mit auf eine Fanatasiereise durch die Milchstraße (dezenter Verweis auf das zu bewerbende Produkt) nehmen und währenddessen wird laut gejuchzt: "Da der Mars! Siehst du ihn?!" Dann das begeisterte und auch staunende Kind: "Und da - ist das nicht U-Uuuranus?" Dabei halten sich Mutter und Kind in tiefer Solidarität des MENSCHSEINS an den Händen und hüpfen schwerelos und ohne jedwede Sauerstoffhilfestellung durch das All. Das machen wir jetzt auch in diesem leeren, weißen Altbauzimmer mit knarzenden Dielen und Holzstühlen, die wohl nach irgendeiner Schulauflösung lieblos als Retrozeugs verkauft wurden. Da Timor absolut keine Lust hat auf diese Art von Freizeitgestaltung nach der Schule, bleibt er stumm und sagt weder Text auf, noch lässt er sich von meiner künstlichen Begeisterung für alles, was mit Milch zu tun hat, anstecken. "Guck mal da oben- jaaa, ist das nicht… ", rufe ich ihm zu, schon fühle ich mich ganz im Weltraumrausch und sehe wirklich schon braune, aber runde Planeten vor meinen Augen entstehen. Timor antwortet nicht. Er guckt mich weiter still an, als hätte er meine Leichtigkeit vorgaukelnde Attitüde entlarvt und ich bemerke eine gewisse Verachtung in seinem Blick. Verständlich. Ich springe auf den Stuhl und winke mit dem einen Arm während ich mit dem anderen Arm Timors Hand an mich ziehe, ja fast schon zerre ob meines neu entwickelten Astronomie-Fimmels. Die Casterin bricht ab. Enerviert sieht sie mich konzentriert an und nimmt mich ins Gespräch. Ich solle doch bitte tun, was abgemacht worden sei. Auf den Stuhl klettern, das ginge nun wirklich nicht. Bitte, noch einmal.

Jetzt habe ich noch nicht mal einen Stuhl um die Weiten des Alls zu beschreiben. Ich gucke Timor hilfesuchend an, BITTE ruft mein Blick ihm leise zu. Lass mich nicht hängen, es geht hier auch um DEINE Shortlist. Timor wird von seiner Mutter nochmal gebrieft - sie kniet sich zu ihm, um auf gleicher Höhe mit ihm zu sprechen. Sie redet ruhig ,aber doch auch recht eindringlich und nervös, als wäre er der neu gewählte König, sein Vater erst vor Kurzem einer Lungenentzündung erlegen, viel zu jung sei er verstorben, das Land in tiefer Trauer, 33 Jahre erst - so alt wie Jesus vor seiner Kreuzigung seinerseits, ruft man sich zu - und der Sohn müsse jetzt regieren. Ein Knab‘ von 5 Jahren! Zum Glück hilft die Regentin ihm, die Königsmutter. Timor guckt sie an, aber ich glaube nicht, dass er ihr zuhört. Vielleicht bemerkt er jetzt zum ersten Mal ihre Narbe, knapp über dem Auge und fragt sich, wie und wann das passiert sei und warum er seine Mutter davor nicht schützen konnte.

Die Timor-Mutter lächelt der müden Casterin motiviert zu. Er ist so weit, scheinen ihre Augen zu sagen.

Die Casterin nickt gequält, holt sich von mir auch ein aufmunterndes Nicken ab und drückt RECORD auf ihrer schäbigen Kamera, die einen immer so fettig-glänzend aussehen lässt.


Timor und ich, wir werden es beide nicht auf die Shortlist schaffen. Ich vermisse meinen Schulstuhl schmerzlich und Timor seine Kollegen aus dem Kindergarten.

Nach zwei weiteren zähen, erfolglosen Versuchen die Milchschnitte im All zu finden, trennen wir uns im gegenseitigen Einverständnis über den katastrophalen Probe-Raumflug und gehen ein jeder seiner Wege, während in unseren Hostentaschen die Gratis-Promo-Milchschnitte langsam aber sicher schmilzt.


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© 2020 Magdalena Steinlein | Photocredit: Nadja KlierImpressum und Datenschutz |  Newsletter anmelden
 

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