Ja, der Peymann

Aktualisiert: 1. Okt 2018

Lübecker Herzgeschichten.

Immer dieses Verfremden

Die Frau neben mir macht mich wahnsinnig.

Unruhig nesteln ihre Finger in einem Reiseführer über LÜBECK. So richtig Lust hat sie auf ihre frei gewählte Lektüre ja nicht, scheint es. Sie überblättert das Gröbste, hält bei einigen MUST-SEE´S kurz inne, blättert zurück, räuspert sich, schaut hoch auf die Gepäckablage, blinzelt auf den Mittelgang, seufzt zweimal halblaut, so als wäre ihr gerade etwas eingefallen und klappt dann den Reiseführer zu. Irgendwie müssen wir kurz ins Gespräch gekommen sein, jedenfalls weiß sie jetzt, dass ich Schauspielerin bin. Da möchte sie jetzt doch gern etwas dazu sagen. Sie hebt den schweren, grau gelockten Kopf und blickt abwechselnd auf mich und das Zugfenster, während wir durch steppenartige Landschaften fahren. Während ich noch nicht ganz weiß, wie ich auf ihre jetzt folgenden kulturpolitischen Ergüsse reagieren soll, nimmt sie mich mit ihrem Blick gefangen  und ich erfahre: Dass die österreichischen Schauspieler ja die Besten sind und viele deutsche Theaterstücke einfach nichts taugen! Ja, der PEYMANN, der is´ toll! Aber immer dieses Verfremden. Sowas Blödes! Außer der Jan Josef Liefers, ja der is‘ natürlich AUCH toll, der mit seinen Mediziner-Ticks. Guckt sie sich gerne an, ja. Ihre Tochter wollte ja auch mal Schauspielerin werden, jetzt ist sie Modedesignerin und präsentiert Mode überall auf der Welt. Hübsch ist sie, eine dicke Nase zwar, aber das gefalle ihr besser als diese flachen Schönheiten. Die fliegt ja jetzt ÜBERALL in der Welt umher, um Mode für Kataloge zu fotografieren, obwohl man später dann in den Katalogen nie was sieht von dieser Welt. - Warum machen die das dann eigentlich, fragt sie sich und mich, richtet ihre Brille und schaut dann lange auf die Rückwand des Vordersitzes. Ja, da ist schon was dran, denke ich mir und pflichte ihr innerlich bei.

Ja und Koblenz - die haben ein tolles Ensemble, auch die Tänzer, alle aus JAPAN! Oder so. In Erlangen gabs nur EINE gute Schauspielerin. Eine Blonde. Die is‘ aber jetzt auch weg.


Ich nicke, klappe mein Buch auf und leite nun sanft die Ach-im-Zug-kann-ich-immer-so-gut-lesen-Phase ein, kralle mich an den ersten Wörtern fest und mime die von der Dramatik gepackte, konzentrierte und in die Geschichte hineingezogene Leserin.

Und dann noch 80 € für EINE Karte, phh..., na danke! Und MUSICALS kann ich sowieso nicht leiden, pustet es mich seitlich an. Das Buch hat offensichtlich keinerlei Macht über sie. Erstaunlich.

Es folgen weitere zehn Minuten mit internen Ansichten über den bundesdeutschen Kulturbetrieb - irgendwann zücke ich konsterniert mein Handy und beginne sinnlos auf irgendwelche Apps zu drücken. Aufmachen, zumachen, aufmachen.

Mails checken geht leider nicht: kein Empfang (was klar war) und das ICE-Wlan reagiert auch nicht (was auch klar war). Aber siehe da - plötzlich wird sie ruhig. Modern Times also. Was das Buch nicht schafft, schafft Steve Jobbs. Ein Handy sie zu knechten, denke ich mir und öffne und schließe zum Abschluss noch ein paar Dutzend Apps, bevor ich beginne, meine Handyfotos nach Gesichtern zu ordnen.


Kurz blickt sie nochmal von ihrem Reiseführer auf. Na, auf Marzipan hätte sie jetzt aber keine Lust, haha! Ein gequältes Lächeln geht mir über die Lippen und ich denke nur an die BLONDE aus Erlangen, wer das wohl war und wie ich so gut werden kann, dass eine unruhige Frau im Zug immer noch an sie denkt.


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© 2018 Magdalena Steinlein | Photocredit: Nadja KlierImpressum und Datenschutz |  Newsletter anmelden
 

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